- Kultur
für alle
- Gottlieb
Duttweilers
- Review
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- azn. Im letzten
Jahr haben die Klubhauskonzerte des
Migros-Kulturprozents ihr fünfzigjähriges
Bestehen gefeiert. Der Filmemacher Georges Gachot, ein
Spezialist für Musikfilme, hat im Auftrag dieser
Institution und als Koproduktion von 3sat, SF DRS, TSR
und TSI einen Beitrag geschaffen, in welchem dieses
weltweit wohl einzigartige privatwirtschaftliche
Kulturförderungsmodell vorgestellt
wird.
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- Der Filmtitel
«Kultur für alle» bringt die
sozialpolitische und mäzenatische Vision des
Migros-Gründers Gottlieb Duttweiler genau auf den
Punkt. Statutarisch legte Duttweiler fest, dass ein
Prozent des Jahresumsatzes der Migros in Form von
kulturellen Leistungen an die Kunden
zurückgegeben werden soll.
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- Heute werden
jährlich über 100 Millionen Franken vom
Migros-Kulturprozent für kulturelle und soziale
Zwecke investiert. «Der Mensch und nicht der
Franken gehört in den Mittelpunkt der
Wirtschaft», lautet einer der in prachtvollem
helvetischem Hochdeutsch geäusserten träfen
Sprüche Duttweilers. Die Wirtschaft habe eine
Verantwortung für das Allgemeinwohl wahrzunehmen.
Damit scharte «Dutti» seinerzeit die
Menschen um sich, damit betrieb er Politik. Mit
solchen Aussagen würde er heute wieder
anecken.
- Der Film
veranschaulicht Duttweilers Visionen und würdigt
seine zweifellos einzigartige Leistung. Dass sich
indessen an seiner Politik damals die Geister heftig
schieden, dass er ein machtbewusster Mensch mit
geradezu demagogischen Seiten war, kann man aus den
Archivaufnahmen von öffentlichen Auftritten
Duttweilers im Film selber schliessen; Gachot bleibt
neutral und enthält sich des Kommentars. Aber es
ist hilfreich, wenn man weiss, dass die
Archivaufnahmen aus zwei durchaus propagandistischen
Filmen - «Familie M» und «Familie
M-junior» - stammen.
- Neutral stellt
Gachot auch die Aussagen des ehemaligen Direktors
für den Bereich Kultur und Soziales des
Migros-Genossenschafts-Bundes, David Bosshard, in den
Raum: Es sei mindestens so anspruchsvoll,
Kulturförderungsgeld für Gruppen, wo man
etwas bewirken wolle, sinnvoll, effizient und effektiv
auszugeben, wie Geld zu verdienen. Bewirken? Das
heisst doch auch: Einfluss nehmen. Und:
Grundsätzlich seien alle Künstler, alle
Kunden immer Menschen, welche nach bestimmten
finanziellen Anreizen funktionieren würden.
«Ich denke, es ist immer am besten, enn man sich
gegenseitig möglichst grosse Freiheiten
lässt. Aber man muss Rahmenbedingungen setzen,
und ich bin dafür, dass man ganz klare
Erfolgskriterien hat. Ich glaube nicht, dass es gut
ist, einfach Geld zu geben, sondern dass man am
Schluss immer sagt, nach diesen Kriterien war unsere
Kooperation auch befriedigend.»
- So spricht kein
Mäzen, sondern ein Sponsoringchef. Und damit
signalisiert Bosshard eine neue Richtung, welche das
Migros-Kulturprozent einschlägt. Gachot
hinterfragt dies nicht weiter. Wiederum darf man
Bosshards Aussage selber mit der scheuen Bemerkung des
jungen Komponisten Valentin Marti in Beziehung setzen,
dass ein Künstler ungern Imageträger
für ein Geldgeber sei und sich nicht dreinreden
lassen wolle. Nebenbei erfährt man, dass Marti
für einen Kompositionsauftrag, an welchem er
zwei, drei Monate oder länger arbeitet, 3000
Franken als Honorar erhält.
- Gachots Beitrag
hält aber auch einige prachtvoll zur Musik
geschnittene Bilder und Archiv- Sequenzen bereit
(Schnitt: Ruth Schläpfer). Die Proben der
hilharmonischen Werkstatt Schweiz mit dem Dirigenten
Mario Venzago an Gustav Mahlers siebter Sinfonie sind
injeder Hinsicht sehenswert.Und das ebenfalls
singuläre Modell dieses auf freiwilliger Basis
zusammenarbeitenden Orchesters verdankt sich
wesentlich dem Migros- Kulturprozent.
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- René Karlen,
der heutige Leiter der Klubhauskonzerte, betont, welch
grosses Anliegen ihm die Vermittlung der
zeitgenössischen Musik sei, und lässt - wie
weiland Duttweiler - die Taten und den gestiegenen
Publikumsaufmarsch für sich sprechen. Kein Zufall
also, feierten sich die Klubhauskonzerte selber unter
anderem mit einem Kompositionsauftrag an die
polnisch-schweizerische Komponistin Bettina
Skrzypczak. Einige Takte aus ihrem Klavierkonzert sind
in Proben und Konzertaufnahmen mit der
Philharmonischen Werkstatt und dem Solisten
Massimiliano Damerini zu hören und sehen. Gerne
hätte man über Skrzypczaks sehr gestische,
virtuose Musik einiges mehr erfahren, gerne mehr
gehört.
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- Auch die
fünfzigjährige Geschichte der
Klubhauskonzerte wird nach dem ausführlichen
Abschnitt über Duttweiler eher knapp dargestellt.
Nicht, dass nicht ausführliche Recherchen
stattgefunden hätten, doch stiess Gachot dabei
auf die Schwierigkeit, dass in den Archiven keine
filmischen Dokument existieren. Weder von der Wochen-
noch von der Tagesschau wurden damals
Klubhauskonzertereignisse - zum Beispiel der erste und
einzige Auftritt von Maria Callas in der Schweiz - zur
Kenntnis genommen. Wohl, weil das als Werbung für
die Migros und für «Duttis» Landesring
der Unabhängigen angesehen worden wäre?
Diesbezüglich hat sich inzwischen einiges
geändert.
- © Neue
Zürcher Zeitung NZZ
- (22.11.1999 Nr. 272
38)
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